Mir ist aufgefallen, dass sowohl bei der Ausbildung von Pferden, als auch bei der Ausbildung von Reitern scheinbar "stumpf" nach "Schema f" gearbeitet wird.
Ich habe mich gefragt, wieso dieses "Schema f" (das besonders in der Englischen Reitweise vertreten ist) nicht hinterfragt wird. Es macht den Eindruck, dass es darum geht, Pferde zu schaffen, die sich
von jedem x-beliebigen Reiter reiten lassen, und das Reiter ausgebildet
werden, die jedes x-beliebige Pferd reiten können. Hat ein Pferd das verdient?
Ich habe gezielt damit begonnen, die gängigen Reitweisen zu hinterfragen und habe mir Leitfragen gestellt, die eine wichtige Rolle bei der Ausbildung meines Pferdes spielen:
Oft habe ich beobachtet, dass Pferde, die auf Veranstaltungen vorgeführt werden, wegen ihrer tollen Haltung und ihrer weichen Gänge gepriesen werden. Dabei sieht jeder, wie schreckhaft das Pferd sich verhält, wenn nur eine Plastiktüte raschelt.
Was bringt mir ein Pferd, dass permanent wegen Kleinigkeiten unaufhaltsam und blind durchgeht, auch wenn es dabei eine perfekte Körperhaltung zeigt?
- Die Antwort ist einfach: Nichts!
Das bedeutet nicht, dass ich die Gymnastizierung - die zu einer guten Körperhaltung des Pferdes führt - ignoriere oder ablehne, sondern, dass ich Prioritäten setze.
Wieso werden die Instinkte eines Pferdes größtenteils beim Reiten unterdrückt, wenn sie doch die Arbeit mit Pferden erleichtern können?
Natürlich kann es gefährliche Folgen haben, wenn man ein Pferd vollkommen seinen Instinkten überlässt, wie z.B. dem Herdentrieb. Wegreiten von der Gruppe wäre schier unmöglich.
Mein Ziel ist es, nützliche Instinkte des Pferdes zu fördern und so weit auszuarbeiten, dass sie als Hilfen dienen können und noch unsichtbarer und geringer als reguläre (englische) Hilfen eingesetzt werden können. Das Pferd reagiert ohne nachzudenken oder auswendiglernen zu müssen. So wird nicht in das Verhalten des Pferdes eingegriffen und die Harmonie zwischen Pferd und Reiter wird gefördert.
Ein wichtiger Teil meiner Ausbildung ist, das mein Pferd Pferd sein DARF. Ein Pferd hat seinen eigenen Kopf und seine eigene Sichtweise, und wenn ich diese unterdrücke baue ich beim Reiten keine Freundschaft und Bindung auf, sondern erreiche nur, dass mein Pferd irgendwann aufgibt und nur darauf wartet, dass der Ritt vorbei ist.
In vielen Reitbetrieben gibt es unzählige Pferde die gelangweilt in ihrer Box stehen, sich mit leerem Blick trensen und satteln lassen und genauso abgestumpft alles über sich ergehen lassen. Für mich bedeutet die englische Reitweise, dass ein Pferd körperlich
aber nicht mental ausgebildet wird. Sobald ein Pferd gut genug
gymnastiziert ist, kann man ihm jede Turnerei abverlangen ohne sich
dafür zu interessieren, wie das Pferd das findet, dass es als gefühllose
Kreatur; als Sportgerät angesehen wird. Wenn man es überhaupt ansieht.
Dass das Pferd fein auf Hilfen reagiert hießt nicht unbedingt, dass es mitarbeitet sondern einfach nur seine Aufgaben abspult und keinen Widerstand leistet, weil es gelernt hat, dass es dann umso länger dauert, bis es zurück in die Box darf und es niemanden interessiert, ob ihm diese Aufgabe Spaß macht oder nicht. Es hat gelernt, dass es nach links laufen soll, wenn der Zug im Maul links stärker ist als rechts und dass es schneller laufen soll, wenn man ihm fester mit den Beinen an den Bauch klopf. Das Pferd wird in ein bestimmes Verhaltensmuster gedrängt, dass ihm die Möglichkeit nimmt, sich zu entfalten.
Wenn mein Pferd sich so verhalten würde, würde ich mich schämen!
In dem Ausdruck "mein Pferd" beschreibt man ja schon die Bindung und
Zuneigung, die man zu dem Tier aufgebaut hat. Genauso sagt man ja auch
"mein Schatz" zu einer Person, die man liebt. "Mein" drückt nicht immer aus,
dass man etwas für einen bestimmten Preis gekauft hat, sondern, dass man
etwas für jemanden - in diesem Fall das Pferd - empfindet. Also sollte
man sein (geliebtes) Pferd mit Respekt und Verständnis behandeln!
Ich möchte mit meinem Pferd zusammenarbeiten, möchte, dass es mein perfekter Partner wird, der mir seine Meinung sagt, und keinen Roboter oder ein "Druck-Knopf-Pferd", das zu allem Ja und Amen sagt.
Wieso sollte mein Pferd mir nicht ziegen dürfen, dass es heute keine Lust hat, geritten zu werden? Wieso soll es immer stumpf meinem Willen folgen? - Versteht mich nicht falsch: Natürlich soll mein Pferd nicht alles, was ich möchte in Frage stellen! Aber es darf mir zeigen, dass ihm etwas nicht gefällt. Nur so kann ich herausfinden, wo es Schwachstellen in der Ausbildung gibt und nur so können Fehler des Reiters rechtzeitig erkannt und berichtigt werden. Ein Pferd, dem es verboten wurde, zu zeigen, was es fühlt, zeigt z.B. Schmerzen erst dann, wenn es schon zu spät ist.
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Nur weil das reguläre Ausbildungsschema in den Reitschulen und Ausbildungsbetrieben früher oder später zum Erfolg führt, heißt das nicht, dass es für das Pferd unbedingt das Richtige ist.
Reitet man aber immer ein bestimmtes Pferd, kann man sich von diesem Schema distanzieren und Hilfen verfeinern, bis Pferd und Reiter eine nahtlose Einheit bilden.
Ich möchte jeden Reiter - auch wenn er noch so ungeübt im Umgang und Reiten mit Pferden ist - dazu auffordern, alles, jede Kleinigkeit, die er lernen soll, zu hinterfragen und damit nicht aufzuhören. Glaubt nicht alles, was man euch beibringen will, nur weil es alle tun!
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